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  • KULTURKOPF 08.11.08 MICHAEL OSTERHOFF -


    MICHAEL OSTERHOFF, DOKUMENTARFILMER – KULTURKOPF AM 08.11.08

    Mitwirkende
    Moderation: Anja Wedig
    Gast: Michael Osterhoff
    It’s a Wonderful Life

    In einem der schönsten Filme aller Zeiten stolpert James Stewart als trauriger Geschäftsmann durch die amerikanische Kleinstadt Bedford Falls. George Bailey ist in die Jahre gekommen, er muss erkennen, dass sich seine großen Ziele und Träume in Luft aufgelöst haben. Als Onkel Billy am Weihnachtsabend auch noch das wenige Geld der Firma verliert, entscheidet Bailey: Familie und Stadt sind ohne mich besser dran. Ein Engel erscheint und führt Bailey vor, wie es in Bedford Falls zugehen würde, wäre er niemals geboren worden. Das öffnet ihm die Augen und er kehrt zur Familie und ins Leben zurück, das, so schrieb’s Regisseur Frank Capra in den Filmtitel, „wonderful“ ist. In den USA ein echter Weihnachtsklassiker – und eine schöne Phantasie über die Notwendigkeit von Biographien mit all ihren Ups und Downs.

    Lebensgeschichten stehen auch hierzulande hoch im Kurs. Biographische Bücher von Sportlerinnen über Politiker bis zu Einzelpersonen aus Schriftsteller-Dynastien avancieren zu Bestsellern. Und auch im privaten Bereich sind Dokumentationen gefragt. In Deutschland gehe es „immer noch sehr ums kollektive Gedächtnis“, hat Biographiefilmer Michael Osterhoff einmal gesagt. In den USA, von wo er gerade zurückgekehrt ist, sei das anders. Das Modell des „private historian“, also des professionellen Lebensgeschichtenerzählers in familiären Zusammenhängen, sei dort viel weiter verbreitet. Mit seiner Firma „biographica filmproduktion“ realisiert Osterhoff derzeit Portrait- und Erinnerungsfilme für Familien, deren Vorfahren einmal aus Deutschland ausgewandert sind.

    Seit drei Jahren erzählt der gebürtige Sauerländer fremde Lebensgeschichten. Vor dem erfolgreichen und mit einigen Gründerpreisen ausgezeichneten Geschäftsmodell brauchte es eine Idee. Die kam Osterhoff ganz privat. „Ich war in Mexiko um dort ein Musikvideo zu drehen. Als ich zurückkam, starb meine Tante. Sie hat die Geschichten unserer Familie mit ins Grab genommen“, erzählt er. Der Memorizer war weg. Ebenso die Chance zum Nachfragen und Dokumentieren. Dieser Verlust gab den Anstoß. „Die Idee, eine biographisch orientierte Filmproduktion aufzuziehen entstand aus einem Potpourri von Erfahrungen, Gedanken, Tätigkeit. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass sich mit Digitalem Video unkompliziert und flexibel arbeiten lässt.“ Entlang des schönen Kästner-Satzes, dass, was bleibt, aus den Fragen entsteht, entwickelte Osterhoff die Philosophie seiner Firma. Die Portraitfilme entstehen auf der Basis eines 66-Fragen-Katalogs. Im fertigen Film bleiben davon nur die Antworten über. „Ich treffe mich zunächst mit den Auftraggebern, versuche herauszukriegen, was die wollen. Und: Können sie sich vorstellen, dass ich eine Vertrauensbasis aufbauen kann zu dem, aus dessen Leben erzählt werden soll? In Vorgesprächen wird dann mit den Erzählern die Dramaturgie erarbeitet. Schenken Sie einem älteren Menschen ein offenes Ohr und Sie kriegen gleich beide gefüllt.“

    Der Grundstein für diese Arbeit wurde in Bremen gelegt, auch wenn ihn Aufträge heute meist in seinem Büro in Berlin-Moabit erreichen. „An Bremen mochte ich immer, dass es Dich in Ruhe lässt. Du kannst auf die Straße gehen, kannst mit Leuten reden. Das Können-aber-nicht-Müssen ist eine Qualität. Wenn ich heute in Bremen unterwegs bin, erinnern mich viele Orte an Aufträge, Gesprächspartner, frühere Arbeiten.“ Die Unterführung an der Bischofsnadel hat Osterhoff während seiner acht Weserjahre mit einer Videoinstallation bespielt, für die „Nacht der Jugend“ Filme gemacht. „Ich habe in Bremen immer viele Sachen parallel gemacht, heute kann ich mich auf eine Sache konzentrieren.“ Er sei Bremen dankbar für wichtige Hinweise und Impulse zu seiner persönlichen Entwicklung. Das manifestiert sich unter anderem in seinem Engagement im Alumni-Netzwerk der Universität. Hier studierte er Politikwissenschaft, hier lernte er als Quereinsteiger einiges Handwerk, als er im EU-Auftrag ein Medienarchiv zum europäischen Verfassungsprozess aufbauen half.

    Der Vielgereiste ist immer noch reisebegeistert. Oft hängt er an Auftragsaufenthalte noch ein paar private Tage an. In einigen Fällen ist Osterhoff selbst der Auftraggeber. „Ich war unlängst in Pasadena und habe Aufnahmen mit demjenigen gemacht, der seinerzeit für Mattel die ersten Frisbeescheiben entworfen hat.“ Am Ende wird ein Film über die Geschichte des Frisbeesports stehen. Damit Osterhoff das freie Arbeiten nicht vergisst, hat ihm sein Berliner Loftnachbar Frisbeegolfkörbe ins Büro gehängt – der Nachbar handelt mit den sportiven Kunststoffscheiben.

    Wie sich die Entstehungsgeschichte des Computers abbilden lässt, warum eine Badewanne manchmal keine Badewanne ist, sondern ein „floating tank“, wie die Arbeit mit fremden Biographien den Blick auf die eigene verändert und warum Bremen mitunter guter Nährboden für neue Ideen sein kann, erzählt Michael Osterhoff am 8. November beim Radiofrühstück in der Schwankhalle. Zwischen 11 und 13 Uhr ist er als Kulturkopf bei Moderatorin Anja Wedig zu Gast. Live zu hören auf UKW 92,5 oder per Stream und Podcast unter www.kulturkoepfe.de (tsc)