
| Mitwirkende Moderation: Carsten Werner Gast: Isabell Stewen
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Kleine Momente anschieben
Weil es der Gesundheit förderlich sei, schrieb einst der Aufklärer Voltaire, habe er beschlossen, glücklich zu sein. Ein Ansinnen, das auch knapp 250 Jahre später nichts an Überzeugungskraft eingebüßt hat. Und nichts an Brisanz. Da, wo Isabell Stewen arbeitet, kommt man mit Voltaire selten weiter. Jedenfalls nicht in Buchform. So weit vom Arbeitsfeld der 30-Jährigen, wie man zunächst denken mag, sind derlei Überlegungen aber nicht entfernt. Für ihren Arbeitgeber, den Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit (VAJA e.V.), koordiniert die examinierte Pädagogin die deeskalierende Präsenz von Streetworkern auf der Discomeile am Breitenweg. Oder sie arbeitet mit rechten Jugendlichen in Stadtteilen, denen das Glücklichsein abhanden zu kommen droht.
„Schon im Studium, in den ersten Praktika habe ich gemerkt, dass Schule mir zu wenig Spielraum ließ“, erzählt Stewen. „Ich habe gemerkt: Ich bin schon ganz richtig in der Pädagogik, aber dies ist nicht mein Weg.“ Also musste ein anderer her. Früh arbeitete die gebürtige Recklinghausenerin nebenbei als Streetworkerin. Später in einem Jugendgruppenhaus, schließlich mit fester Stelle im Freizeitheim Friesenstraße. „Aber ich musste zurück auf die Straße, brauchte wieder mehr ‚Sauerstoff’.“ Neben „Wind und Wetter“ ist der wichtigste Unterschied zur Jugendarbeit an einem festen Haus, „dass man zunächst mal als Gast da ist, den Jugendlichen, wo immer sie sich als Cliquen treffen, eher auf Augenhöhe begegnet.“ So verschieden das Anforderungsprofil der Arbeit, so verschieden die Sorgen, Interessen und Nöte der Jugendlichen, so verschieden die Zielsetzungen und Zugänge der Streetworker je nach Einsatzort sein mögen, stets geht es um den öffentlichen Raum. Und der gehört zunächst einmal keinem mehr als dem anderen. „Wir wollen ein erwachsenes Pendant sein – aber eines, dass weder Noten vergibt noch Hausarrest verhängt. Wenn man Dinge nicht versteht, darf man nicht so tun, als sei man selbst ein Jugendlicher. Man muss sie sich erklären lassen. Die Jugendlichen sind schließlich die Experten.“
Die verschiedenen Betätigungsfelder von VAJA unterscheiden sich dabei gewaltig. „Wenn wir mit Jugendlichen in einzelnen Stadtteilen zusammen arbeiten“, erläutert Stewen, „geht es um Beziehungsarbeit. Ich kenne die Jugendlichen, die kennen mich. Wenn es an einem Tag nicht läuft, weil die Jugendlichen schräg drauf sind, haben meine Kollegen und ich die Möglichkeit, uns zurückzuziehen. In einer Einrichtung müssten wir dann das Hausrecht durchsetzen und sie rausschmeißen.“ Auf Dauer, Wiedersehen, eine gewisse Vertrautheit kann der Rundgang auf der Discomeile nicht setzen. Jedes Wochenende sind andere da. „Dafür weiß nachts auf der Meile ganz klar, wie die Grundbedingungen aussehen.“ Die haben sich ein wenig verändert, seit mit dem „Meilenstein“, einem Wohnwagen, der am Anfang der Meile steht, ein Anlaufpunkt und Rückzugsort zum Reden und Runterkommen da ist. An den Nerven zerrt vor allem das andauernde Hickhack um die Finanzierung des Engagements vor Ort. Was gibt die Stadt, wie viel die Betreiber der Discotheken? Und: Kommt das zugesagte Geld auch?
Vor acht Jahren kam Isabell Stewen in die Hansestadt. „Bremen war Liebe auf den ersten Blick. Die beiden ersten Sommer bin ich nicht in Urlaub gefahren, sondern hier geblieben. Ich habe festgestellt, dass diese norddeutsche Stadt beinahe mediterranes Flair haben kann.“ Die Stadt, auf der Straßen und Plätzen, mit deren jungen Menschen man arbeitet – sicher keine schlechte Voraussetzung, für das, was die Streetworkerin tut. Denn es gibt „schon Momente, da sieht man nur noch Rückschritte. Da fährt man jemanden ein paar Mal zur Schule und am nächsten Tag packt er es wieder nicht, selber aufzustehen. Man muss schon eine große Frustrationstoleranz haben in diesem Job. Aber man muss auch wissen, das Erfolge manchmal nicht in einer Eins-zu-eins-Umsetzung zu denken sind. Es geht darum, kleine Momente anzuschieben. Und manchmal sieht man Erfolge erst Jahre später.“
Wie die Begegnungen mit verschiedenen Jugendlichen ablaufen, was sie am Wasser fasziniert, was am Wetter und was an Afrika, warum sie gerne mit Eddie Vedder im Fahrstuhl stecken bleiben würde und wie sich ihr Bremen in fast einem Jahrzehnt verändert hat, erzählt Isabell Stewen am kommenden Sonnabend beim Radiofrühstück in der Schwankhalle. Zwischen 11 und 13 Uhr ist sie bei Moderator Carsten Werner zu Gast. Live zu hören auf UKW 92,5. Oder als Stream und Podcast unter www.kulturkoepfe.de (tsc)
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